Beim Lesen meiner alten Tagebücher fand ich neulich meinen persönlichen Beginn der Systemischen Arbeit mit inneren Anteilen.
„Innere Krisensitzung anlässlich eines mittelschweren Liebeskummers wegen Jean-Luc P.“ hatte mein 17jähriges Selbst in blauer Pelikantinte geschrieben- und dann verschiedene Persönlichkeitsanteile zu dem Thema miteinander ins Gespräch gebracht: „Die Glutherzige“ sagt, sie liebe alles, was aufregend sei- Hauptsache Gänsehaut; die „Vernünftige“ mahnt, all diese Energie lieber in Trompeteüben und Hausaufgaben fließen zu lassen. Das „kleine Gretchen“ fürchtet sich vor den Gefühlen und schlägt vor, lieber im Wald einen Baum zu umarmen. „Das Seelchen“ weigert sich, je wieder zu lieben, weil es sowieso nur wehtut. „Die Hoffnungslose“ outete sich als Verfasserin der dunklen Schmerzpoesie und beim Auftritt der „völlig verrückten Liebeschaotin“ schrien alle : Du bist das also, die uns immer ins Unglück stürzt! Denn sie gab ein leidenschaftliches Plädoyer für die Liebe, auch wenn diese nicht erwidert wird.
Die Qualität meiner Beziehungen
Es ist nicht so einfach mit den Beziehungen.
Ich mit mir….
ist das fürsorglich und wertschätzend, findet das überhaupt statt?
Ich mit Dir-…
wie schwierig ist der lebendige Kontakt, wie komplex der Tanz um die wunden Punkte in der Beziehung!
Ich mit dem Leben- fühle ich Verbundenheit?
Von der Zeugung bis zum Tod hängt unser Wohlbefinden und unsere Reifung in erster Linie von der Qualität unserer Beziehungen ab.
Das Bewußtmachen der Beziehungen in den verschiedenen Systemen- Ursprungsfamilie - Gegenwartssysteme - Innere Teams- gehört daher zu den Basics der psychotherapeutischen Arbeit. Ob in der Gruppe oder in der Einzelarbeit, ob mit Kissen, Zetteln, Holzfiguren oder genealogischen Graphiken- immer geht es darum, die prägenden Beziehungen sichtbar und spürbar zu machen und ihren Einfluß auf meine aktuelle Situation zu verstehen.
Warum ist das so wichtig?
Wir sind Beziehungswesen durch und durch, weil wir nur durch Bindung und Beziehung überleben.Wir kommen mit einem starken Bindungsinstinkt zur Welt und sind als Kinder und Jugendliche abhängig von den Menschen unserer Familie - und von ihrer Beziehungsfähigkeit! Vertrauensvolle Primärbindungen schützen und nähren uns, geben uns Orientierung und Zugehörigkeit, ermöglichen die Erfahrung von Wertschätzung und Liebe.
Aber auch Verletzlichkeit gehört zur Natur von Bindung- der Mensch, dem ich am meisten vertraue hat das Potential, mich auch am tiefsten zu treffen.
Es wird schon deutlich- die Qualität der Beziehungen ist etwas Graduelles- und da kann vieles schiefgehen. Wenn etwas fehlt - Wärme, Bewusstheit, Nähe, Raum, Lebendigkeit. Wenn etwas zuviel ist - Stress, Anspannung, Leistungsdruck, Erwartungen, Urteil. Wenn die Rollen durcheinander geraten und sich Kinder unbewusst um instabile Eltern kümmern. Wenn es Unerlöstes gibt-Trauma, Brüche und Verluste. Wenn Beziehungsreife fehlt.
Und die ist ja unser aller Lernfeld als Menschen. Gelungene systemische Arbeit zeigt und ordnet die Bindungsmuster im Inneren. Das bringt Entlastung, schafft Raum für Liebe und führt in eine tiefere Beziehungsqualität.
Ich mit mir. Du und ich. Ich und wir und das Leben.
Wenn ich die Qualität meiner Beziehungen vertiefe, verändert sich alles.
Wow- oder?
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