Manchmal gibt es diese Momente, wo ein kleiner Input eine große Wirkung hat. Mit ging das so vor vielen Jahren, als ich zum 1. Mal eine dieser japanischen Teeschalen sah, die zerbrochen und wieder zusammengeflickt war, die Bruchränder vergoldet - ein Kunstwerk.
Ich saß in der Zeit mit einigen Scherbenhaufen da. Als Mutter eines Herzkindes mit sehr ungewisser Prognose. Liebe und Angst, die mein Herz täglich in Scherben legten. Als Autorin- meine Bücherbabys, trotz renommiertem Verlag wurden sie kaum wahrgenommen. Als kreative Therapeutin- meine angeborene Talentfreiheit im Bereich Organisation ließ die weise konzipierten Seminarangebote unsichtbar bleiben.
Ich sah dieses Kunstwerk und begriff unmittelbar. Mein eigener Umgang mit den drei inneren Scherbenhaufen ähnelte sehr wenig dieser japanischen Kunst.
Beim ersten sah ich mich außerstande, überhaupt irgendetwas zusammenzukleben.Mit etwas umzugehen, das wir nicht kontrollieren können- bedrohliche Krankheit gehört dazu- macht die Fragilität des Lebens bewusst - wir fühlen Schock, Angst. Alleinsein. Lähmung. Wir finden keinen Klebstoff. Oder wir wagen uns nicht an diese Scherben.
Wenn ein Projekt- in meinem Fall die Bücher, aber es kann vieles sein- auch eine Partnerschaft , die trotz größter Mühe und Exzellenz nicht blüht, ist unser Klebstoff oft Resignation- oder die Suche nach einem Schuldigen ( in meinem Fall bin ich das immer selbst) , oder die Identifizierung mit dem Gefühl, ein Opfer zu sein. Wackelig.
Wenn eine eigene Unzulänglichkeit immer wieder den Weg erschwert und Dinge scheitern läßt, kleben wir die Scherben mit Selbstzweifeln und Selbstanklagen. Hält nicht gut.
In jedem Fall entsteht ein tiefes Empfinden von Scham. Unsere Mainstreamkultur fördert das. Wir sollen perfekt und erfolgreich sein. Zerbrochene Gefäße haben keinen Wert. Also verstecken wir es. Wir machen weiter. Überleben es irgendwie.
Die Kintsugischale zeigte mir damals noch einmal, was mein Herz ohnehin in der Tiefe wußte: Gerade in den Lebensbrüchen liegen die großen Schätze verborgen. Indem wir anerkennen, dass das Leben fragil ist und dass es Verletzungen und Scheitern gibt, machen wir die Zerbrechlichkeit zu einem Teil unseres Lebens. So können wir überleben und uns ein wenig entspannen mit dem, was geschieht.
Wenn wir aber noch mehr wollen- nämlich wirklich leben und in etwas völlig neues Hineinschmelzen- dann brauchen wir Gold. Was ist das Gold? Es entsteht durch die Alchemie der Akzeptanz. Es glänzt wie die Sonne. Es steht für Liebe. Es weist gerade durch die Bruchstelle auf das Größere hin. So konnte ich meine Gefäße neu fassen- so begleite ich seitdem Menschen bei ihren Krisen.
Es entsteht ein Kunstwerk von großer Tiefe und Kraft, wenn wir die Fragilität unseres Lebens anerkennen, unsere Bruchstellen nicht verstecken, sondern sie mit Liebe - zusammensetzen. Oder, wir Leonard Cohen es sang:
"There is a crack in everything. Thats´ how the light gets in."
Antje Uffmann

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